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27. Februar 2009

Reizend scharfe Komik
Zum ersten Bayreuther Skalpell in der Rosenau – 150 Gäste und viel Applaus Bayreuth
Von Frank Piontek

„Wenn zehn Mann da vorn hocken würden, das wär ja schrecklich für die Künstler, da würd ich auf der Stell’ nach Hause gehen.“ Nein, nach Hause ist keiner gegangen. Der Herr, der in das satte Rotlicht der ersten Reihen getaucht war, saß in einem vollen Saal mit 150 Zuschauern. Das erste Bayreuther Skalpell, der Auftakt einer neuen Kleinkunst-Reihe, die von Klaus Wührl und Sandy Wolfrum künstlerisch verantwortet wird, konnte sich nicht über das Desinteresse der Bayreuther beklagen – nicht einmal über die CSU, weil die ja, so Wührl am Aschermittwoch, sich eh nicht zu kommen traute. Dass man vorher noch eine Applausprobe ansetzte, war, so betrachtet, eher eine kabarettistische Pflichtübung.

Knorriger Bariton

 Sechs Mann, sechs Konzepte, sechs Stilarten der Musik und des Worts: derart scharf schnitt sich das Skalpell an diesem Abend durch die reiche Landschaft der nicht allein kabarettistischen Gegenden hindurch. Aber der Reihe nach: Rudi Vietz, der Chiemgauer Barde mit seinem knorrigen Bariton, ganz in Grau mit grauem Käppi, spielt zu leicht spilleriger Begleitung kleine Lieder, von denen man nicht weiß, ob sie lustig oder traurig sind – natürlich über die Liebe, den Suff, die Selbstentfremdung, übertönt von einem mächtigen Hauch Ironie. „Die Glocken deiner Heimat“: so klingen Lieder, die im Schatten geboren werden. Großartig!

Dann die Jugend, die sich in Gestalt von Björn Pfeffermann (ausdrückliche 38 Jahre alt) – sehr smart, sehr beige – zielgerichtet über das zukünftige Seniorenzeitalter hermacht, um im Selbstporträt eines Singles doch vom Elend der Gegenwart erwischt zu werden: 15 Trennungen und eine Privatinsolvenz, die Bilanz sieht gut aus, zumindest für das Kabarett.

Lieder über Dackel und Kuh

Variante 3 der Kleinkunst: die Wortakrobatik. Sigi Pop – rein äußerlich eine allerdings gutaussehendere Variante von Rudolph Moshammer selig – heißt einer ihrer Meister, am Keyboard bringt er seine kurzen, lakonischen, unheimlich pointensicheren Reimgedichtlein über alles, was die Welt eher nebenbei bewegt: das Tierreich zwischen Dackel, Kuh und Faultier, die grotesk zurechtgestutzte Menschenwelt. Riesengelächter, zu Recht.

Der nächste Mann am Klavier heißt Daniel Helfrich, eine junge odenwäldische Grinsekiste mit schicker Frisur. „Ich bin nix“, singt er, aber man glaubt’s ihm, glaube ich, nicht, weil auch das geschliffen daherkommt. Ansonsten atmen seine Lieder fröhliche Zuversicht und überdrehte Komik: „Traut euch, das Leben ist zu kurz“, „Ich bin’s, de Pontifex“, das Liebesleben der Kerzen, auch was gegen Hunde: auch Helferich würde, käme es zur Wahl, an diesem Abend die Goldene Palme der Kleinkunst, der nichts zu klein ist, um es in ein Lied zu gießen, nach Hause tragen können.

Auch ohne Klavier steht man seinen Mann. Kurt Knabenschuh (der Mensch heißt wirklich so) aus Wuppertal ist ein Vertreter des Kabaretts, dem ein Platz auf der Bühne und ein Mikro reichen. Von urgermanischen Ur-Cheerleadern über die vergebliche Suche des Mannes nach einem Gurkenglas im Kühlschrank zum Unterschied von männlichem und weiblichem Sprachzentrum – die virtuose Tour macht schließlich bereit für die sechste Variante der Kleinkunst: die traditionelle Liedermacherei. Reiner Rumpf – Jeans, Gitarre, Vollbart – singt von Fantasie und Macht und Wahrheit, von Wohnungssuche, brennenden Schulen (dies allerdings gstanzerlmäßig komisch) und dem Wahnwitz der Bergsteigerei.

Abgestürzt ist an diesem Abend keiner.

(QUELLE: NORDBAYERISCHER KURIER. Danke für die freundliche Genehmigung)

Hier können Sie den Originalbericht sehen!