home aktuelles
kuenstler presse
kontakt impressum
newsletter

22. August 2009

Holger, das Showgirl
Drittes Bayreuther Skalpell erzitterte unter Kölner Übermacht. Von Christina Knorz

Bayreuth. Im Herzen eine Diva: Holger Edmaiers Vollbart konnte am Mittwoch abend nicht darüber hinwegtäuschen. In ihm schlummert ein Schlagerkönig, ein Starlet der großen Geste, ein Schmonzetten-Sänger mit dem Bewegungsarsenal einer Boyband. Als Höhepunkt und letzte Nummer beim dritten Bayreuther Skalpell in der Rosenau entfesselte er seine innere Diva, schmetterte sein Liebeslied ins Publikum, so dass man schließlich meinte Strasssteine auf Jeans und T-Shirt glitzern zu sehen. Ein Beifalls- und Bravosturm brandete auf, „Zugabe“ schrien viele, noch bevor sich der Künstler verbeugte. Er hinterließ das beglückende Gefühl, das nur gute Entertainer oder ein heimliches Glas Prosecco zur Mittagszeit hervorrufen. Heiter und beschwipst vor Lachen verließen 120 Gäste das knapp dreistündige Kleinkunstevent, das im Ganzen gut und an einigen Stellen hervorragend war.

Vier Kölner, ein Wahlnürnberger und ein Bayreuther bestritten das Programm. Dass am Rhein ein derberer Humor bühnenfähig ist, lernten an diesem Abend Publikum und Künstler gleichermaßen. Während sich einige im Zuschauerraum bei Tillmann Courths Politikerversaubeutelung fast am Bier verschluckten – überraschtes „Hohoho“ quittierte den Spruch, Seehofer sehe mit seinem Grinsen immer aus wie jemand, der „besoffen aus dem Puff kommt“ –, verschlug es den Oberfranken dann doch die Sprache als Liedermacher Andi Scheulen „Nutten“ auf „Gutten“ reimte und meinte: „Kommt der nicht von hier, dieser Freiherr zu ...“

Aber das nur am Rande. Die Kabarettisten blieben meist über der Gürtellinie. Witzelten über das böse Fernsehen, wie die Umbenennung von RTL in ADS-TV, das Verbot der NPD, geht nicht, bestehe ja nur aus Verfassungsschützern, und die Bayern, „ich bin politisch blind und danke Gott dafür“.

Lokalmatador des Abends war LeRoy aus Bayreuth. Seinen Namen erklärt der Bluessänger mit dem Zeug zur Kultfigur in breitestem Fränkisch: Sein Vater sei Amerikaner, seine Mutter Österreicherin, das mache ihn zum AmiÖsterFranken. Er sang über sein schlimmstes Erlebnis in 16 Jahren – ein alkoholfreies Bier. Mit Gitarre und Mundharmoniker beschwor er ein verdammt schönes, aber ungewohntes Bild: Vom Blues-Standpunkt aus betrachtet sind Frankens Straßen ganz schön lang, sehr einsam und auch staubig.

Das Thema „Ende der Privatsphäre“ präsentierte der Kölner PeeWee zugespitzt: Ein Killer unterhält sich am Handy über seine Aufträge. Folgerichtig erhält er dann den Haftbefehl der Polizei per SMS.

Kindergeburtstag mit Anfassen spielte Lars Hohlfeld mit den Gästen, aufgemotzt Impro-Comedy genannt. Sein Konzept ist so simpel wie effektiv: Animier einen Haufen Erwachsener zu Partyspielen und sie kippen vor Vergnügen seitwärts vom Stuhl. Der 37-jährige gelernte Heilerziehungspfleger brachte das Publikum nach der Pause auf humorempfängliche Arbeitstemperatur. Dass er mehr als doppelt so lange auf der Bühne verbrachte als vorgesehen, störte das vor Freude quietschende Publikum am allerwenigsten. Vor der Pause hatte (hervorragender Gitarrist und) Liedermacher Andi Scheulen in guter (alter) Tradition des politischen Protestlieds bei den einen für lauen Applaus, bei den anderen für die innere Befragung gesorgt: Warum bewege ich meinen faulen A... eigentlich nicht, um zu ändern, was mich stört?

Das Skalpell von Klaus Wührl und Sandy Wolfrum scheint erfreulicherweise sein Publikum gefunden zu haben. Das Konzept geht allemal auf. So kann man sich auf die nächste bunte Bühne am 4. November freuen.

((QUELLE: NORDBAYERISCHER KURIER. Danke für die freundliche Genehmigung)

Hier können Sie den Originalbericht sehen!