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19. Februar 2010

Ein Plüschhund voller Zoten
Bayreuther Skalpell begann sein zweites Jahr gut gelaunt und gut besucht
Von Christina Knorz  

Bayreuth. Lass den süßen Hund die bösen Sachen sagen, dann merkt’s keiner: Nach dieser Devise ließ der Bauchredner Marcus Geuß alias Marcelini aus der Nähe von Coburg ein Witze-Gewitter über die geschätzten 140 Zuschauer des fünften Bayreuther Skalpells he reinbrechen. Die anderen Künstler waren an diesem Mittwoch abend in der Rosenau etwas ruhiger, aber in den Pointen intelligenter unterwegs.

Auch wenn Geuß eine durchweg professionelle Show ablieferte, die das Zeug zum Publikumsrenner hat, haben Sprüche wie „Seitdem Obama Präsident ist, macht die Klingel im Weißen Haus BIMBO“ aber auch gar nichts in einem Programm zu suchen. Auch den Bundestag mit einer Minibar zu vergleichen – „lauter Flaschen drin, die viel zu viel kosten“ –, verkauft das Publikum für blöd und verdirbt den Spaß an der prinzipiell gelungenen Lustiger-Hund-ist-unge zo gen-Nummer. Aber das Bayreu ther Skalpell versteht sich ja auch ein Stück weit als Probebühne für Kabarettisten und Kleinkünstler, die aus Lob und Kritik ihre Lehren ziehen wollen.

In dem Zusammenhang – damit die wenigen negativen Momente eines schönen runden Abends gleich am Anfang abgefrühstückt sind – muss auch die großartige, aber vor Nervosität schusselige Sängerin Nona Garvey erwähnt werden. Dass sie vor Nervenflattern nicht auch noch selbst von der Bühne fiel, war ein Glück. Ihre wunderschön warme und volle Stimme kam erst in den letzten Liedern wirklich zum Tragen, nachdem sie sich offenbar an die Bühnensituation gewöhnt hatte. Unterstützt und herrlich zweistimmig begleitet von Robert Wachsmann sangen die beiden – für einige im Publikum ein paar Stücke zu lang – irische Folk- und Countrylieder.

Experiment geglückt, muss man den Veranstaltern Sandy Wolfrum und Klaus Wührl ins Gästebuch schreiben. Fünf statt sechs Künstler an einem Abend auftreten zu lassen, zahlte sich aus und gab den durch die Bank guten Akteuren genug Zeit, mit dem Publikum warm zu werden. Aus dem Leben einer Mutter witzelte die Münchner Schauspielerin Bele Turba, die derzeit ihr erstes Kabarettprogramm ausprobiert. Ihre These: Das Problem am Kinderkriegen sind nicht die Kinder, sondern die Mütter, also die anderen Mütter. Während die Projekt-Mama ihren kleinen Karl-Theodor-Torben bereits im dreisprachigen Kindergarten angemeldet hat, gibt die Eso-Mama ihrem fünfjährigen Nervkind immer noch die Brust. Schwer enttäuscht von der musikalischen Früherziehung – „da sitzen doch nur ein paar Vierjährige rum und verdreschen sich mit Schlagstöcken, die hier Klanghölzer heißen“ –, verzweifelt die Normal-Mutter an den Supermamas, die ihr Kind mit vier Jahren eine Stunde zum Klavierspielen bringen. Bele Turbas Fazit: „Ich bin froh, wenn sich mein Kind anzieht.“ Ein nettes Programm, das vor allem bei den Frauen im Publikum gut ankam.

Nach den Müttern nahm sich der Hamburger Martin Schörle eine weitere Randgruppe vor – „die einzige, die sich nicht in Selbsthilfegruppen bemitleiden kann“ –, die Beamten. Schörle schreibt und erzählt aus eigener Erfahrung als Verwaltungsbeamter. Sein vor zwei Jahren erschienener Monolog „Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten“ hat einen Autorenpreis gewonnen und einen Verlag gefunden. In mitunter sich hysterisch steigernden Sätzen breitet Schörle das ganze Drama eines Schreibtischlebens vor dem kichernden Publikum aus. Nach dem tollen Vortrag dämmert es einem, warum ein durchsichtiger Radiergummi zum Todfeind des Beamten werden kann. Herrlich absurd und komisch!

Der Joker aus München

Als Joker des Abends rettete Reiner Rumpf die Veranstalter. Der ursprünglich gebuchte Künstler Bernd Barbe war einfach nicht da. Ohne abgesagt zu haben oder erreichbar zu sein, stellte er Sandy Wolfrum vor ein Problem, das der Münchner Liedermacher Rumpf souverän und charmant mit seinen Songs löste. Wie es der Zufall wollte, war der Musiker genau ein Jahr nach seinem eigenen Auftritt beim Skalpell zu Gast. Großen Applaus bekam er für seine Lieder über überteuerte Mietpreise, modernen Bergvagabundismus und seine Parabel auf den heutigen Kultur- und Medienmarkt.

((QUELLE: NORDBAYERISCHER KURIER. Danke für die freundliche Genehmigung)

Hier können Sie den Originalbericht sehen