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14. Mai 2010

Gemischtwarenladen
6. Bayreuther Skalpell am Mittwoch in der Rosenau

Von Ulrike Eberle

Bayreuth. Nicht wie ursprünglich angekündigt mit Daphne De Luxe, sondern mit dem einzigen echten Franken Das Eich alias Stefan Eichner begann das 6. Bayreuther Skalpell-Kleinkunstfestival am Mittwochabend in der Rosenau, das sich wie ein Gemischtwarenladen der Künste präsentierte und auch qualitativ genau so in Erinnerung bleibt. Die Entscheidung, den Lokalmatador vorneweg zu nehmen, war in der Tat sehr gut, stimmte er doch das Publikum gut ein auf den bevorstehenden Abend.

Seine kleinen Gags, die Florian Silbereisen-Persiflage und Anspielungen auf fränkischen Enthusiasmus („baasst scho“ als Ausdruck überschwänglicher Freude) kommen beim Publikum sehr gut an. Seine Themen, die er auch in Liedern darbietet, sind jedoch längst erschöpfend breitgetreten (schlechtes Fernsehprogramm, Musikantenstadl, Zeugen Jehovas). Am Ende seiner Show bleibt eine Frage: Wozu so viele sinnlose Fragen?

Glücklicherweise konnte Urbain N’Dakon, ein von der Elfenbeinküste stammender Bayreuther Wissenschaftler, den Abend in eine völlig neue, andere Richtung lenken. Zu Beginn zündete er eine Kerze für 50 Jahre Unabhängigkeit der Elfenbeinküste an, was gut in die nachfolgenden Geschichten einstimmte. Wie ein Märchenerzähler stellte er tiefgründig-philosophische Fragen, die ein sattes Kontrastprogramm zum „Eich“ darstellten. Mit seinen in N’Zema gesungenen Liedern bewies er, dass afrikanische Musik nicht immer nur schnell und tanzbar sein muss, sondern auch mal melancholisch und meditativ daherkommen kann. Der Klang der im Osten der Elfenbeinküste gesprochenen Sprache ist ein sehr weicher, kantabler, man hört ihn gerne an und wenn N‘Dakon dann noch die Trommel virtuos zu spielen versteht, hat er dem fränkischen Publikum tatsächlich den Zauber Afrikas nähergebracht.

Der Mentalist Jarod McMurran war dann wieder für die lustige Seite zuständig und sein interaktives Programm („Wie heißen Sie?“ – „Wenn Sie Gedanken lesen können, müssten Sie das eigentlich wissen.“) überzeugt trotz einiger kleinerer Timing-Schwierigkeiten. Gute Einfälle, wie ein Gedankentransmitter – ein Schneebesen mit Kurbel, der an die Stirn gehalten werden muss, und so die Karte, die sich zuvor eine Dame aus dem Publikum eingeprägt hatte, dem Mentalisten überträgt – tun ihr Übrigens.

Eher schal war der Eindruck, den hingegen der Berliner Liedermacher (und definitiv bester Gitarrist des Abends) Lutz Keller hinterließ, was aber maßgeblich an der unausgewogenen Technik (insgesamt verbesserungswürdig!) lag: die Gitarre war im Vergleich zum Gesang viel zu laut, wodurch die berlinerisch-vernuschelte Stimme Kellers sehr schlecht durchkam. Außerdem sind auch seine Themen eher schon zu oft abgefrühstückt worden („Sänk ju for träveling wiss Deutsche Bahn“). Eines seiner Lieblingsmotive scheint die Kapitalismus- und Konsumkritik zu sein, doch auch das gab es von anderen Kabarettisten schon lustiger.

Schlagfertige Daphne de Luxe Das Skalpell mit einer positiven Erinnerung mit nach Hause zu nehmen lag also an der einzigen Dame – oder sagen wir lieber an dem Voll(blut)weib, „für das sich sicherlich kein pubertäres Mädchen zu Tode gekotzt hat“. Und das gelang Daphne de Luxe. Selbstironisch berichtet die resolute Hannoveranerin zuerst über Hungerhaken, Sportwahn und das aktuelle Schönheitsideal, um dann – als einzige! – aktuelle Themen wie die Missbrauchsdebatte witzig mit den Fällen Kachelmann und Käßmann in Verbindung zu bringen. Daphne de Luxe ist authentisch in allem was sie sagt und tut („Ich stell mal den Mikroständer weg, ich fühle mich so verdeckt.“) und die Geschichten, die sie aus ihrem Leben erzählt, zeugen von einer ungemeinen Schlagfertigkeit gegenüber Verbalattacken schlankerer Kollegen, Nachbarn, Freunde. Großartig!

Mit freundlicher Genehmigung des Nordbayerischen Kurier

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