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12. November 2010

Die Sehnsucht nach dem, was es nicht geben kann
Das 8. Bayreuther Skalpell in der Rosenau.   

Von Frank Piontek

Bayreuth. Das Publikum ist genauso bunt wie das Programm. Alt-Achtundsechziger, junge Leute, ältere Damen und Greise: alles dabei. Das achte Bayreuther Skalpell ist unter Leitung von Klaus Wührl und Sandy Wolfrum längst im schönen Saalbau der Rosenau angekommen, Bayreuths gute Stube für eine brillante Mixtur, die anderswo, in größeren Städten – sagt Frau Moll, sie muss es wissen – nicht so gut funktioniert.

Frau Moll? Zugegeben: alle fünf Künstler(-gruppen) haben etwas Besonderes an diesem Abend: Bernd Barbes witzige Lieder, Harald Arndts nordrheinwestfälisches Polit kabarett, Lukas Aues poetische Artistik, die musikalische Lockerheit von Stevie and the Monstabass: man kann das ja nicht vergleichen – aber Frau Moll, Johanna Moll, sie hat das ganz besondere Etwas. Sie sitzt vorn mit dem Akkordeon, erzählt uns was von Trollen unter Kontrolle, sie leben im Mischwald, mitten unter uns, aber das alles ist schön zweideutig.

Ein Traum vom Wolf

Sie träumt vom bösen Wolf, der sie doch bitteschön verspeisen soll. Sie tut unschuldsvoll und anrüchig. „Männa“, sie lässt das extrem naiv lasziv auslauten, mit Berliner Zungenschlag (sie kommt aus Brandenburg und lebt im Erlanger Exil), und wenn sie den Odysseus variiert, der am Mast steht – „Ich bin der Mann am Mast, ich hab’ die Augen zugebunden“, dann steckt im „Abenteuaaahh“ die Sehnsucht nach etwas, was es nicht geben kann, wovon zu träumen aber doch immer noch lohnt. Ein bisschen Ironie, eine Wahnsinnsmimik, eine girrende Stimme, ein Witz, der sich über einiges lustig zu machen scheint und darin klüger ist als alle die, die glauben, dass sie nicht mit dem Wolf heulen, obwohl sie ihm – und der Trollheit – längst verfallen sind.

Typische Liedermacherei

Bernd Barbe singt dagegen, sehr gelind sächselnd, im Stil eines typischen Liedermachers typische Lieder gegen die politische Korrektheit. Der Weltfrieden, ja schön, aber vorher muss man dem Nachbarn, dem dummen Schwein, doch noch mal richtig in die Fresse hauen, außerdem braucht der Mann was Süßes, wenn er nicht gerade in einem normalen deutschen Krankenhaus dahinsiecht. Seltsame Ähnlichkeiten: Am Ende des Programms wird das Trio Stevie and the Monstabass (eigentlich die Bayreuther Gruppe Waste), davon träumen, zugleich ein Gänseblümchen zu sein und doch die „dumme Sau“ zu erwischen. Dazwischen liegen die politisierenden Anmerkungen von Harald Arndt, dem Mann am Bocksbeutelfläschla, der die schwärzestgelbe Koalition aller Zeiten auf seine Weise besingt: nicht immer lustig, eher nüchtern. Dafür knattert’s zwischendurch pointenstark raus: „Hartz IV – 5 Euro, und das ist noch nicht das letzte Wort.“ So mäandert er zwischen Westerwelle, der Atom politik und der Bayreuther Innenstadt umher; die Flic Flacs nach der Pause lassen einen vom harten Brot des Politkabaretts erholen. Lukas Aue lebt in Bayreuth, er macht Varieté, gibt die mechanische Puppe und schenkt uns, als Kind der Commedia dell’Arte, einen uralten, aber immer wieder erfrischenden Fliegen-Lazzo. Den Rausschmeißer aber machen die drei lockeren Jungs mit guten Songs, die nicht mehr sein wollen, als sie scheinen: sehr, sehr gute Unterhaltung auf einem Niveau, das auch die älteren Damen an ihre Jugend erinnern mag.

Mit freundlicher Genehmigung des Nordbayerischen Kurier, Bayreuth.

Den Original-Artikel finden Sie hier.

Weitere Bilder vom 8. Bayreuther Skalpell gibt es hier zu bestaunen.