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11. März 2011

Erfolgreiche Lachparade
Kleinkunst als Publikumsmagnet: Neuntes Bayreuther Skalpell in voll besetzter Rosenau – Fünf Künstler, fünf Glanzlichter.   

Von Eva Bartylla

Bayreuth. Die Abwechslung ist das Salz in der Suppe des Bayreuther Skalpells. Und der Grund, warum immer mehr Menschen dorthin pilgern. Das muss es wohl gewesen sein, was die Macher sich zu hoffen gewagt hatten. Der Zulauf und Zuspruch von Kleinkünstlern wie Publikum steigt so gemächlich wie stetig.

Da war Musik drin, das groovte und swingte in diesem neunten Bayreuther Skalpell am Mittwochabend in der Rosenau. Das Skalpell wird zum Publikumsmagneten. Alter und Geschlecht bunt gemixt wie das Programm, amüsierte sich das Publikum im voll besetzten Saal königlich. „Ich schau mir das im Internet vorher gar nicht an, ich liebe es, überrascht zu werden“, sagt eine Frau, die bereits jedes Skalpell genossen hat.

Die Fanzahl wächst immer noch. Es war die Alternative schlechthin zum Heringsessen. Bei der Auswahl geeigneter Kandidaten aus dem ganzen Land hatten die beiden Gründer mit Musik, Kabarett, Zauberei oder Akrobatik immer schon ein gutes Händchen. Die Gewichtung der einzelnen Genres liegt nicht ganz in der Hand von Sandy Wolfrum und Klaus Wührl, sondern auch an den Terminen der Künstler. Am Mittwoch überwog die Musik. Fünf Programmpunkte, fünf Highlights.

Musikalische Sippschaft

Mit handgemachter Bluegrass-Musik im Stil von Alison Krauss oder Sierra Hull begeisterte die Dettlaff-Familie zum Auftakt. Was für eine Sippschaft, mit allen Takten und Tonarten gewaschen. Mama Claudia am Kontrabass optisch mehr im Hintergrund, Papa Reinhold an Gitarre und Banjo, das Küken Eva (11) mit unglaublich flinken Fingern an der Gitarre und die stimmgewaltige Anna (14) bediente meist noch virtuos die Mandoline. Anna singt selbstbewusst ein klirrend klar artikuliertes Englisch.

Dem Witz des ersten Vokalakrobaten, einem ausgebildeten Schauspieler aus Essen, konnte sich wohl keiner im Saal entziehen. Seine kosmisch komische Dirigentenparodie brachte die Lachtränen zum Fließen. „Musikalschlag“ nennt Florian Schmidt-Gahlen sein Programm, in dem er seinen langen, beschwerlichen Weg zur Musik beschreibt, Kinderlieder in Blues umdichtet und durch die Nase auf einer alten, verrosteten Trompete bläst – ohne Instrument, versteht sich.

Die Liedermacherin Karin Ruckenbauer macht und hat Lust auf Leben. Mit nachdenklichen, gefühlvollen Balladen singt sie vom goldenen Käfig oder den Schubladen, die das Dasein kategorisieren. Stand-up-Comedy machte an diesem Abend Hubert Werner aus Füssen, der über das „Idiotenfernsehen“ vom Leder zog. Unter dem Motto „Es kotzt die Kuh, es würgt die Sau, Florian Silbereisen ist im TV“ zerrte er Werbefernsehen, Daily Soaps und Telenovelas gnadenlos unter sein satirisches Vergrößerungsglas. Mit herrlichen Wortspielen und Assoziationsketten veräppelte er das Spiel mit Heidis künftigen Topmodels. Nach diesem Verbalturbo klang der Abend mit einer lyrischen Wiederholungstäterin vom Bodensee aus, die das Bayreuther Publikum bereits zum zweiten Mal mit ihrer wundersam leisen, doch intensiven Poesie beehrte. Unplugged begleitet sie sich selbst auf Gitarre oder Harfe, erzählt Geschichten von der Welt, wie sie ist und wie sie sein könnte. „Fliegende Wurzeln“ nennt sie typischerweise ihr Programm, in dem sie gegen Engstirnigkeit und Widersprüche eintritt. Mit eigenwilligen Arrangements, Vibration in Stimme und Geist und Selbstironie singt sie von der Milde des Alters mit Ende 20, den Menschenfresserblues oder über die Pfandflaschensammler mit Dreijahresbart.

Als der tosende Applaus verklungen war, sicherten sich die absoluten Anhänger bereits die Karten für das nächste Skalpell am 11. Mai.

Mit freundlicher Genehmigung des Nordbayerischen Kurier, Bayreuth.

Den Original-Artikel finden Sie hier.