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11. März 2011

Im funkelnden Fokus der Kleinkunst
Fünf Künstler beim elften Bayreuther Skalpell.

Von Eva Bartylla

Bayreuth. Kleinkunst in ihrer ganzen schillernden Vielfalt, in ihrer üppigen Reichhaltigkeit, der grellen Buntheit der Stile und Qualitäten, ungeahnte Möglichkeiten, Abgründe und Höhenflüge, all das und noch viel mehr schließt das Bayreuther Skalpell nun bereits zum 11. Mal in seinem Kern zusammen. Mehr als zweieinhalb Stunden lang taumelt das Publikum in der wiederum voll besetzten Rosenau von einem Staunen zur nächsten Überraschung. Die Ideen brodeln, der Wortwitz feiert fröhliche Urständ, die musikalischen Experimente explodieren. Kaum auszuhalten. Selten so gelacht.

Das sagt auch ein Stammgast aus der Fangemeinde, Gerhard Böhner, jahrzehntelang Sozial- und Rechtsreferent der Stadt Bayreuth. Er schleppt regelmäßig ein paar Freunde mit, Kumpels seiner Nachpensionierungsneugründungsband, die übrigens zur Finissage der großen Eremitage-Kunstausstellung am 28. August ein Stelldichein gibt. Er ist nur einer der Besucherseismographen, die geschult reagieren. Und die beiden Macher, Sandy Wolfrum und Klaus Wührl, wissen das genau. Entsprechend picken sie sich mit allermeist zielsicherer Hand Perlen der Kleinkunst für die Bayreuther Feinschmecker heraus.

Ein Knüller mit der Folge unbeherrschbarer Lachanfälle mit Erstickungstendenzen ist der gefühlte Nürnberger aus Burgthann: Jörg Kaiser. Er kommt daher, als könnte er kein Wässerchen trüben, mit einem gelangweilten Blick und trägen Schritten. Ruhigen Tones haut er dann die Pointen raus wie eine Comedy-Schnellfeuerwaffe. Unmöglich, sich das nicht vorstellen zu können. Klick, das Kopfkino läuft an. Umwerfend seine Umdeutung des Frankenrechens als blutrote Speerspitze im weißen Hintern der Bayern. Sagenhaft die Hymne auf den guten alten Autoskooter, die Elektroautos mit konstantem Tempolimit und gerechter Maut. Fehlt nur noch das Bratwurst-Drive-in.

Entzückend

Die gebürtige Londonerin Ginger Redcliff entzückt mit rosig blonder Jugend und einer betörend weitschwingenden Stimme als eine Frau zum Träumen. Sie hat Tom samt Kontrabass, eine altmodische Stehlampe und ein swingendes, elektronisches Klavier, eine Überdosis Begabung und ein paar berauschende Lieder mitgebracht. Der Saal erstarrt fassungslos. Dann entlädt sich ein frenetischer Applaus.

Die zweite Frau des Abends, Veronika Faber, trifft mit ihren tiefgründigen, topaktuellen, sinnlichen Texten, ihrer vibrierenden Stimmlage, ihrer Ausstrahlung mitten ins Herz. Wenn sie, die Frau in mittleren Jahren, von Cyber-Sex fabuliert, ihre „Jaaa“ haucht, schreit, flüstert, atmet, denkt sogar Klaus Wührl ans Ausprobieren. Der Schwarm ihrer vergangenen 20 Jahre, der Uuudoo aus dem Münchner Tatort, ergraut mit ihren Haaren, nicht in der Seele.

Täuschung

Zauberei zwei drei bringt Werner Fleischer mit Blicken, Gesten, Sprache und flinken Fingern sehr nahe. Bälle verschwinden, Arme und Hände verrenken sich, Spielkarten mutieren direkt vorm sehenden Auge. Keine Zauberei. Nein. Täuschung. Vor ihm ist keiner sicher. Er redet und gestikuliert so ausdauernd, bis keiner mehr weiß, was oben und unten, rot oder schwarz ist.

Bliebe noch zu erwähnen der als erstes Highlight angekündigte Rocco Höwer. Leider der Flop des Abends. Keiner buhte, weil keiner sich den gerade erst begonnenen Abend verderben wollte. Es lachte auch kaum einer. Vielleicht aus Verlegenheit. Tja Rocco, Chance vertan.

INFO Das letzte Skalpell dieses Jahres findet am 16. November statt – wie immer in der Rosenau.

Mit freundlicher Genehmigung des Nordbayerischen Kurier, Bayreuth.

Den Original-Artikel finden Sie hier.